Wer ein Silo neu plant oder ein bestehendes Silo mit einem anderen Schüttgut belegen will, muss das Bauwerk statisch nachweisen lassen. Für die festigkeitsmäßige Auslegung nach DIN EN 1991-4 benötigt der Tragwerksplaner eine Reihe von Größen, die sich nur messtechnisch bestimmen lassen. Dabei geht es nicht um die Eigenschaften des lose aufgeschütteten Materials – sondern um das Verhalten unter den tatsächlichen Lasten im Silo. Dichtezunahmen von mehr als 50 Prozent gegenüber der Schüttdichte ohne Last sind keine Seltenheit, einzelne Materialien verdichten sich sogar um 76 Prozent.
Welche Kennwerte verlangt die EN 1991-4?
Die Norm fordert folgende messtechnisch bestimmbare Größen:
- Maximale Schüttgutwichte bzw. Schüttgutdichte unter Last – nicht die allgemein bekannte Schüttdichte, sondern die Dichte unter der maximalen Vertikalspannung, die im geplanten Silo auftritt.
- Böschungswinkel – bestimmt nach DIN 53916 durch Aufschüttung eines Kegels aus geringer Fallhöhe.
- Innere Reibung – gemessen mittels Ringschergerät; aus den Fließorten ergeben sich der effektive Reibungswinkel und der innere Reibungswinkel beim stationären Fließen.
- Horizontallastverhältnis K – beschreibt das Verhältnis von horizontaler zu vertikaler Spannung unter Last; wird am genauesten mit einem Lambdameter ermittelt.
- Wandreibungskoeffizient bzw. Wandreibungswinkel – gemessen mit einem Schergerät, wobei die Schüttgutprobe gegen das konkrete Wandmaterial des geplanten Silos getestet wird.
Diese Kennwerte fließen direkt in die Berechnung der Einwirkungen auf die Silowand und den Boden ein. Ohne belastbare Messdaten kann die Tragfähigkeit nicht nachgewiesen werden.
Warum reicht die Schüttdichte nicht aus?
Die maximale Schüttgutwichte unter Last ist weder die lose Schüttdichte noch die Rüttel- oder Stampfdichte. Sie wird auf Basis der maximalen Vertikalspannung bestimmt, die im geplanten Silo auftritt. Dazu berechnet man zunächst diese Vertikalspannung, anschließend erfolgt die Messung der Verdichtbarkeit. Das Ergebnis ist ein Verlauf der Dichtezunahme in Abhängigkeit der Vertikalspannung.
Ein konkretes Beispiel: Kalksteinmehl zeigt bei einer Verdichtungsspannung von nur 32 kPa eine Dichtezunahme von 76 Prozent gegenüber der lose aufgeschütteten Schüttdichte. Wer mit der Schüttdichte ohne Last kalkuliert, unterschätzt die tatsächlichen Lasten auf die Silowand erheblich. Das kann zu Verformungen, Rissen oder im Extremfall zum Versagen der Konstruktion führen.
Horizontallastverhältnis: Warum Schüttgut seitlich drückt
Das Horizontallastverhältnis K beschreibt, welchen Anteil der vertikalen Spannung das Schüttgut als horizontale Spannung auf die Wand überträgt. Diese Größe wird am genauesten mit einem Lambdameter gemessen, einem Instrument, das in den 1990er Jahren von den Gründern von Schwedes + Schulze zusammen mit Prof. Kwade entwickelt wurde und inzwischen in die Normenwelt eingegangen ist. Kapitel C8 des Eurocode 1 (DIN EN 1991-4) behandelt die Einwirkung aus diesem Horizontallastverhältnis.
Wer das Horizontallastverhältnis zu niedrig ansetzt, dimensioniert die Silowand zu schwach. Bei feinkörnigen oder kohäsiven Materialien kann K deutlich höher ausfallen als bei grobkörnigen Schüttgütern. Die Messung muss daher material- und belastungsspezifisch erfolgen.
Wandreibung: Warum das Wandmaterial entscheidend ist
Der Wandreibungswinkel wird ebenfalls mit einem Schergerät bestimmt, aber die Messung erfolgt gegen das konkrete Wandmaterial des geplanten Silos. Dabei liegt die Wandprobe unterhalb der Schüttgutprobe – eine Anordnung mit der Wandprobe oberhalb kann zu falschen Ergebnissen führen, weil der relevante Feinanteil nach unten sackt und nicht an der Messung teilnimmt.
Es wird die Kraft gemessen, die nötig ist, um die Schüttgutprobe in Abhängigkeit der Vertikalspannung über die Wandprobe gleiten zu lassen. Spezialisierte Labore können die Wandreibung gegen mehr als 400 verschiedene Wandproben durchführen, darunter Stahl mit unterschiedlichen Oberflächen, Beton, beschichtete Bleche und Kunststoffe.
Die Wandreibung beeinflusst direkt die Auslaufcharakteristik des Silos. Zu hohe Wandreibung kann zu Brückenbildung führen, bei der sich das Material oberhalb des Auslaufs verklemmt und nicht mehr nachrutscht. Für den sicheren Betrieb muss dieser Wert präzise ermittelt werden.
Innere Reibung und Fließverhalten
Die innere Reibung wird mittels Ringschergerät bestimmt. Aus den gemessenen Fließorten ergeben sich der effektive Reibungswinkel und der innere Reibungswinkel beim stationären Fließen, der dem inneren Reibungswinkel nach DIN EN 1991-4 entspricht. Diese Größe beschreibt, wie leicht das Schüttgut in Bewegung bleibt, wenn es einmal zu fließen begonnen hat.
Materialien mit hoher innerer Reibung neigen zu stoßweisem Auslauf und erfordern größere Auslauföffnungen. Bei kohäsiven Materialien kann die innere Reibung zudem zeitabhängig sein – nach längerer Lagerung verfestigt sich das Material, und die Fließfähigkeit nimmt ab. Solche Effekte müssen bei der Silo-Auslegung berücksichtigt werden, wenn das Material über längere Zeiträume gelagert wird.
Praxistipp: Messungen vor der Umwidmung
Wenn Sie in einem Bestandssilo ein anderes Schüttgut als ursprünglich vorgesehen lagern wollen, reichen Herstellerangaben zur Schüttdichte in der Regel nicht aus. Die EN 1991-4 verlangt materialspezifische Messungen unter den tatsächlichen Belastungsbedingungen. Ohne diese Daten können Sie den statischen Nachweis nicht führen – und das Silo nicht in Betrieb nehmen.
Spezialisierte Labore wie Schwedes + Schulze Schüttguttechnik in Apensen bieten solche Messungen an. Die Investition in eine belastbare Charakterisierung ist in jedem Fall günstiger als eine spätere Schadensbehebung oder gar ein Betriebsausfall wegen Silo-Verstopfung oder strukturellen Schäden.
Für Bauunternehmen, die Erdbewegung und Materialwirtschaft in größerem Maßstab betreiben, ist die korrekte Schüttgut-Klassifizierung nicht nur eine Frage der Norm-Erfüllung – sie ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wer die Schüttguteigenschaften kennt, dimensioniert Silos, Bunker und Förderbänder richtig und vermeidet teure Nachbesserungen oder Ausfallzeiten.
Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft.




