Definition
Ein Stromschlag-Unfall ist ein Arbeitsunfall, der durch direkten oder indirekten Kontakt mit unter Spannung stehenden Stromleitungen oder elektrischen Anlagen entsteht. Er führt zu Verletzungen unterschiedlichen Schweregrades bis hin zum Tod des Betroffenen.
Physikalische Wirkung
Die Schadwirkung wird durch Stromstärke, Spannungshöhe, Einwirkungsdauer und Stromweg durch den Körper bestimmt. Bereits ab 50 mA Wechselstrom (AC) können Kammerflimmern und Herzstillstand ausgelöst werden. Bei 0,5 bis 2 mA treten Muskelzuckungen auf, ab 5 mA beginnt Lähmung. Gleichstrom (DC) führt ab etwa 300 mA zu kritischen Herzreaktionen. Hochspannungsunfälle (>1.000 V) verursachen zusätzlich Verbrennungen und Gewebeschädigungen in der Tiefe.
Unfallszenarien auf der Baustelle
Typische Unfallursachen sind: Arbeiten an nicht abgeschalteten Anlagen, fehlende Sicherungsmaßnahmen, beschädigte Leitungen, unzureichende Schutzisolation, defekte Fehlerstromschutzschalter (RCD), Kontakt mit stromleitenden Objekten in der Nähe von Freileitungen, sowie Arbeiten im Feuchten oder Nassen ohne Schutzmaßnahmen. Bei Erdarbeiten entstehen Unfälle durch Beschädigungen verlegter Kabel.
Prävention und Schutzmaßnahmen
Grundlage ist die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und die DGUV-Vorschrift 3 (elektrische Anlagen und Betriebsmittel). Erforderlich sind: Abschaltung vor Arbeitsaufnahme (Five-Points-Regel: Freischalten, Gegen-Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, Erden und Kurzschließen, Arbeitsbereich absperren), Verwendung von Prüfgeräten zur Spannungsprüfung, Isolierwerkzeuge bei Spannungsbereichen bis 1.000 V, Fehlerstromschutzschalter mit max. 30 mA Auslösestrom (nach DIN VDE 0100-410), Persönliche Schutzausrüstung wie isolierte Handschuhe und Schuhe, sowie regelmäßige Wartung und Prüfung elektrotechnischer Ausrüstungen.
Besonderheiten bei Baugeräten
Tragbare Elektrogeräte und Maschinen auf Baustellen müssen mit Schutzvorrichtungen ausgestattet sein: Doppelte Isolierung (Klasse II) oder Erdung mit Schutzleiter. Stromversorgung erfolgt über Baustromverteiler mit 30-mA-Fehlerstromschutzschalter. Kabel sind vor Beschädigungen, Quetschungen und Verschmutzung zu schützen. Besondere Vorsicht gilt in Bereichen mit erhöhter Gefährdung: feuchte Räume, metallische Behälter, Arbeiten im Freien bei Nässe.
Erste Hilfe
Nach Stromkontakt muss sofort die Stromquelle unterbrochen werden (Schalter aus, Stecker ziehen, Stromkreis unterbrechen). Der Betroffene darf nicht mit bloßen Händen berührt werden, falls noch Spannung anliegt. Reanimationsmaßnahmen nach Herzstillstand und Atemstillstand sind einzuleiten. Alle Stromschlag-Unfälle erfordern ärztliche Untersuchung und sind dem Unfallversicherungsträger zu melden.